Mineralisierende Lippenpflege

Donnerstag, Mai 19, 2016 M. Skinci 10 Comments


Selbst in Sommertagen habe ich noch mit schuppenden Lippen zu kämpfen und verwende folglich die hartgesottesten Pflegeprodukte.


TEWL


Der TEWL beschreibt die Menge an Wasser, die durch unsere Haut verdunstet. Optisch ist ersichtlich, dass die Hautbarriere der Lippen deutlich schwächer ausfällt, als im Rest des Gesichtes. Die Lippen sind anfälliger für einen erhöhten TEWL und die damit einhergehende Austrocknung.

Petrolatum ist der unangefochtene Topkandidat der Okklusiva, sprich feuchtigkeitseinschließenden Inhaltsstoffen, mit einer TEWL-Reduzierung um bis zu mehr als 90%.


Viele Lippenpflegestifte mit Petrolatum konnte ich in der Drogerie jedoch nicht mehr finden. Ich persönlich finde das aus zwei Gründen schade. Zum einen reichen nur pflanzliche Öle oder Waxe nicht aus für mich, zum anderen gerät Petrolatum schnell wieder zur Bashing-Zielscheibe.

Über das stärkste Okklusivum der Hautpflege reißen sich die abstrusten Gerüchte und es stellt sich die Frage:


Ist Petrolatum in Hautpflege gefährlich?


Die Veröffentlichung von Cosmetics Europe über Petrolatum (PDF Download!) informiert über Anforderungen, die Erfüllt werden müssen, damit Petrolatum in Kosmetika verwendet werden darf.

Petrolatum, welches in Kosmetika Verwendung findet, ist von Verschmutzungen befreit und muss als nicht-kanzerogen zertifiziert sein, mit Offenlegung des Raffinationshergangs.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geht in der Stellungnahme zu Mineralölen in Kosmetika auf den Bereinigungsprozess ein.

"Mineralöle sind natürlich vorkommende komplexe Gemische [...], die vor ihrer Verwendung in kosmetischen Mitteln [...] so bearbeitet werden, dass der Anteil potentiell kanzerogener aromatischer
Verbindungen minimiert wird."

Während andere Organisationen, wie z.B. die  Gesundheitsorganisation Kanadas, sich deutlich für Petrolatum als unbedenklich aussprechen, ...

"Obwohl sich diese Bewertung in erster Linie auf die unsubstituierten PAK im Mineralöl bezieht, unterstreicht laut Health Canada auch das Fehlen epidemiologischer Befunde die gesundheitliche Unbedenklichkeit von medizinischen Weißölen. In Übereinstimmung damit hat auch die EFSA (2012) im Rahmen einer Neubewertung von Lebensmittel-tauglichen Mineralölen die bestehenden
ADI-Werte für die orale Aufnahme von Weißöl [...] bestätigt und diese Gruppe mit einer niedrigen Priorität für eine Neubewertung eingestuft."

... hält das BfR diese Bewertungen für unzureichend, da nicht auf gesättigte und aromatisierte Kohlenwasserstoffe (MOSH und MOAH) eingegangen worden ist.


Test kommerzieller Produkte


Vom BfR wurden drei Vaselinen (Petrolatumprodukt) getestet, wobei MOAH Anteile zwischen 1,7 - 5% nachgewiesen werden konnten.

In Produkten, die unter anderem Petrolatum enthalten, wurden MOAH Anteile größer als 0,007% entdeckt.
In einer weiteren Pilotstudie wurden sieben Produkte getestet und wiesen maximal 0,07% MOAH auf.

Medizinische Weißöle, z.B. besonders hochwertiges Petrolatum, enthalten MOAH nur noch in Spurenbereichen.
Da eine Reduzierung auf den Spurenbereich möglich ist, lautet der Anstoß des BfR, die Anteile von MOAH und MOSH so gering wie möglich zu halten.

Epidemiologische Befunde nach oraler Aufnahme von Mineralölen liegen für Menschen nicht vor. In den Jahrzehnten an Verwendung von Mineralölen sind schließlich keine zusammenhängenden Erkrankungen aufgetreten. Für Ratten liegen epidemiologische Befunde vor, wobei diese zum einen toxikologisch als wenig bedenklich eingestuft werden, zum anderen bereits signifikante Unterschiede in den Auswirkungen auf verschieden Rattenarten bestehen, dass eine Übertragung auf den menschlichen Organismus nicht tragbar ist.


Acceptable Daily Intake


Von der JECFA (Gemeinsamer FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe) wurden ADIs (Acceptable Daily Intake) für Mineralöle festgesetzt, bei denen von keinen gesundheitsbeeinträchtigenden Effekten ausgegangen wird.

Für Kosmetika bezieht das folgende INCI-Bezeichnungen mit ein:

PETROLATUM

PARAFFINUM LIQUIDUM

CERA MICROCRISTALLINA

OZOKERITE

CERESINE

PARAFFINS



Der ADI steht in Abhängigkeit zur Viskosität (Konsistenz/Zähigkeit).

Mineralöle und Wachse hoher Viskosität:        0 - 20 mg/kg KG

Mineralöle mittlerer oder niedriger Viskosität: 0 - 10 mg/kg KG


Umgerechnet auf eine Person mit einem Körpergewicht von 80kg wären das maximal jeweils 1,6g bzw. 800mg täglich.

Meine Lippenpartie hat eine ungefähre Oberfläche von 7cm². Ausgehend davon, ich würde meinen Sonnenschutz mit 2mg/cm² auftragen und dieser enthielte 10% Petrolatum und ich würde alles von meinen Lippen lecken, dann hätte ich 1,4mg Petrolatum aufgenommen.

1143 mal müsste ich täglich meine Creme auftragen und wieder komplett von den Lippen lecken um den Grenzwert des ADI von 1600mg, durch Petrolatum in Kosmetik, zu überschreiten.

Real liegt diese Zahl noch weit höher, da weder die komplette Creme abgeleckt, noch so viel aufgetragen wird!


Ich verstehe die Angst vor Inhaltsstoffen aufgrund fehlender Berührungspunkte und möchte auf James Kennedy aufmerksam machen. Ein australischer Chemie-Lehrer, der auf seinem Blog unter anderem über die Angst vor synthetisch gewonnenen Chemikalien schreibt. Angst vor Cremes, die als gesundheitlich bedenklich abgetan werden, weil Formaldehydabspalter enthalten sind, während, im Verhältnis dazu, gigantische Mengen Formaldehyd in verarbeitetem Fleisch, wie z.B. Wurst, nicht der Rede wert seien.
Wie alles 'Natürliche', womit die meisten das "Altbekannte" meinen, als gesünder verkauft wird und bei potentiellen Risiken mit einer relativ gelassenen Akzeptanz reagiert wird, während 'chemische', aka synthetisch hergestellte, Substanzen bei bereits ungeklärten Risiken in Grund und Boden gebasht werden.


Auf Compound Interest liefert uns der Beitrag zwei bedeutende Fakten.


Die Dosis macht das Gift!

Es darf nicht vergessen, dass sogar Wasser in zu hoher Dosis tödlich für uns sein kann und das gleichermaßen bedeutet, dass potentiell krebserregende Stoffe, die synthetisch hergestellt wurden, dieses Potential nicht entfachen bei zu geringer Dosis.


Synthetisch oder natürlich vorkommend sagt nichts über das gesundheitliche Risiko eines Stoffes aus!

Das Birnen-Beispiel verdeutlicht die Problematik, wie mit diesen Merkmalen umgegangen wird. Dass eine Birne ein Vielfaches an Formaldehyd enthält verglichen zu Impfungen. Von Sorge um Birnen, habe ich in den letzten Jahren nun nicht viel mitbekommen. Die Konzentration in Birnen liegt noch weit unter einer Dosis, die für uns gefährlich sein könnte.


Schlussendlich...

entscheidet jeder selbst, ob man Mineralöle wie Petrolatum in seiner Pflege einschließen möchte oder nicht. Vorsichtig sollte man bei Empfehlungen sein, die man weiter gibt. Wenn man sich nicht sicher genug ist, ist Schweigen = Gold.

Ich kenne das Gefühl, wenn man glaubt, man wäre informiert und wurde vor bösen Inhaltsstoffen gewarnt. Dabei verdienen darauf ausgerichtete Firmen Dein Geld, ohne dass sie es Dir aus der Tasche ziehen mussten. 



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Kommentare:

  1. Danke für dieses Posting! Finde es immer sehr heilsam, durch solche Zahlenspiele die Perspektive wieder zurechtgerückt zu bekommen. Denn uninformiert fällt man ja gern auf jede Panikmache rein.

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  2. Hi, ich stimme dir zu, dass man nicht auf Panikmache hören sollte, sondern auf die Wissenschaft.
    Leider geht die erste Hälfte des Artikels etwas am Thema vorbei, da man bei Lippenstift ja durchaus einen Teil des Petrolatums aufnimmt, bei anderer Kosmetik nicht. Die zweite Hälfte des Artikels trifft da schon eher das Thema.
    Ich würde gerne auf den Artikel von Colins Beauty Pages (britischer Chemiker) zu dem Thema aufmerksam machen: http://colinsbeautypages.co.uk/dangers-mineral-oil-lipstick/

    Er betrachtet das Thema genauso wissenschaftlich, kommt aber zu einem anderen Schluss.
    Persönlich möchte ich nicht täglich Lippenpflege mit Petrolatum verwenden. Wenn allerdings mal ein besonderes schöner Lippenstift welches enthält, den ich nicht täglich benutze, verfalle ich nicht gleich in Panik. Auch in anderer Kosmetik, wo man nicht einen Teil aufisst, macht es mir nichts aus.

    Also finde ich deine Sicht insgesamt etwas einseitig. Es ist ein umstrittenes Thema, aber völlige Verharmlosung bringt genauso wenig wie Panikmache.
    Liebe Grüße Lizzy

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    1. Hi Lizzy,

      ich trage durchaus Creme auf den Lippen, nicht nur Lippenpflegeprodukte. Da für 'flüssigere' Mineralöle die Empfehlungen geringer gesetzt sind, ist dieses gerade themenbetreffend, nur nicht auf Deine persönliche Verwendung.

      Ich kenne seinen Artikel und sein Fazit resultiert schließlich mehr aus persönlichen Vorzügen. Er meint auch, einen mineralischen SPF 4 immer wieder aufzutragen hält er für besser, als die Sonnenschutzcremes mit vielen chemischen Filtern zu verwenden.

      Wie der Bund auch sagt, die Bewertung ist vorläufig (was sie nun einfach jedes Mal ist) und es fehlen Datensätze.

      Bei so großen Differenzen zwischen tatsächlich aufgenommenen Mengen und empfohlenen Grenzwerten, mit unterstützendem Fehlen von epidemiologischen Befunden, ist die Entscheidung (Gesundheit betreffend) dagegen mehr persönlich und weniger rational.

      Dass Du meine Schlussfolgerung für einseitig hälst, verstehe ich aber. :)

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  3. Ganz ehrlich? Ich will das einfach nicht auf den Lippen haben und bei jedem Schluck, den ich aus einem Glas nehme, petrolatum zu mir nehmen. Nein, es bringt mich nicht um - aber das allein ist für mich noch kein Kauf Argument... Es ist nun mal ein billiger Ersatz für hochwertige Inhaltsstoffe und nur deswegen wurde es ursprünglich überhaupt genutzt. Ja, es ist okklusiv - aber das ist ja nur eine von vielen Eigenschaften, die bspw sheabutter haben. Bei petrolatum ist es die einzige (Und auch noch schlecht für die Umwelt).
    Kann ja jeder machen wie er will, aber ich fand die Entwicklung der letzten Jahre hin zu hochwertige ölen wirklich positiv und möchte das nicht mehr missen.

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    1. Die okklusiven Eigenschaften von Shea Butter sind knapp mehr als ein viertel von Petrolatum. Hochwertigkeit ist für mich nicht ausschlaggebend, sondern der Nutzen. Diamantenpuder ist um ein Vielfaches teurer als Mica, glänzt aber nicht so.
      Die geringen Mengen an Vitaminen und ähnlichem in Pflanzenölen lassen sich leicht substituieren und in deutlich effektiveren Mengen nutzen.

      Petrolatum kann nicht nur okklusiv wirken, da sich die Haut unter Petrolatum sehr effizient regenerieren kann. Unter einer okklusiven Plastikschicht ist dies nicht der Fall.

      Der Umweltaspekt ist dabei, das stimmt. Da fahre ich persönlich dann aber lieber einmal weniger mit dem Auto und nehme das Fahrrad oder gehe länger zu Fuß. So habe ich einen deutlich größeren Beitrag zur Umweltbelastung verhindert.

      Die Werte, die viele Naturkosmetiknutzer(innen) vertreten sind absolut lobenswert. Den Panikmachen fehlt nur zu häufig jegliche Grundlage (außerhalb von Angst und Geld).

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  4. Das Problem ist bei Mineralöl - derzeit wird es überall gehypt, es ist das selbe Phänomen wie die verteufelung des selben vor 5 Jahren. Warum soll ich Inhaltsstoffe verwenden, wo sich die studienlage alle 5 Jahre ändert? Das birgt ein großes Risiko, und bei nicht heftig allergischer Haut,die auch natürliche wachse und buttern verträgt, weiss ich nicht, wozu ich dieses Risiko eingehen soll. Damit ein unter Labor Bedingungen gemessenen TEWL wert besser ist, den ich subjektiv sowieso nicht merke, wenn ich die Zahlen nicht vorher kenne und der Psychologische Effekt mit rein spielt? Ich bin durch Zufall auf eine bio Pflege Stift umgestiegen und ehrlich gesagt war der größte unterschied, dass er besser roch.

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    1. Das sollte eigentlich als Antwort nach oben als pat

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    2. Die Studienlage des Petrolatums Klasse 1 hat sich nicht verändert seit dessen Verwendung, zumindest nicht hinsichtlich großer Widersprüche. Da kommen immer mal wieder Studien die versuchen Petrolatum den Wind aus den Segeln zu nehmen, da muss man sich beim Informieren nur die Studien genauer ansehen, ob die vernünftig durchgeführt wurden und welche Relevanz die Ergebnisse in Relation zum Nutzverhalten haben.

      Da liegt dann auch ein Missverständnis vor. Niemand soll dazu gedrängt werden irgendetwas zu benutzen. Petrolatum ist nur quasi schon der Inbegriff für Hypoallergene, da kann kein pflanzliches Öl mithalten, da diese aufgrund unterschiedlichster Komponenten ein viel höheres Risiko bergen, Allergien auszulösen. Das wiederum heißt nicht, niemand sollte diese benutzen.

      Ich bin ebenso großer Fan von manch pflanzlichen Ölen, sofern sie mir schon in der Theorie einen Nutzen liefern können. Dieser Post ist nicht dazu gedacht Pflanzenöle nieder zu machen, sondern viel mehr dazu da, Petrolatum aus der Mediengosse zu holen, wo es nicht hingehört. Viele scheuen sich, abseits vom Umweltaspekt, vor Mineralölen und das aus Gründen die an den Haaren herbeigezogen und in der Realität nicht einmal stimmen.

      Wer diese starke Okklusion nicht sucht oder braucht mag sich ja gerne bei pflanzlichen Ölen umsehen, sofern jenes vertragen wird und braucht kein schlechtes Gewissen wegen dem kleinen Umweltaspekt zu haben. :)

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  5. Nun stellt sich mir die Frage, ob es dann nicht am sinnvollsten wäre sich reines Petrolatum auf die Lippen zu schmieren anstatt eines Lippenbalsams?

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    1. Die Entscheidung, ob Du das für sinnvoll hälst, liegt bei Dir. Bräuchten Deine Lippen denn so viel Okklusion?
      Lippenprodukte bestehen zudem nicht nur aus Okklusiva.

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